Ein Besuch der ersten Body Love Conference

–  oder warum es eine wunderbare Idee war, 9000 Kilometer zu einem eintägigen Event zu fliegen

Die weltweit erste Body Love Conference in Tucson, Arizona

Die weltweit erste Body Love Conference in Tucson, Arizona

Erwähnt man hier in Mitteleuropa das Thema Body Positivity erwähnt, erntet man in der Regel Blicke voll ehrlich gemeinter Verwirrung. Im englischsprachigen Ausland ist die Bewegung, die neue Körperbilder und Zugänge zu sich und seinem Körper sucht, schon um einiges weiter – vor allem jenseits der Atlantiks. Frauen aller Körpergrößen und Hautfarben haben es mehr und mehr satt, sich ungesunde, einseitige Schönheitsnormen diktieren zu lassen, und machen sich auf der Suche nach neuen Erkenntnissen und ihrer eigenen Wahrheit.

Kurvig trifft schlank: Frauen aller Art trafen sich in Tucson, Arizona

Kurvig trifft schlank: Frauen aller Art trafen sich in Tucson, Arizona

Da gibt es zum Beispiel die Bloggerin Jes Baker (The Militant Baker), einem breiteren Publikum im Zuge des Abercrombie&Fitch-Skandals zum Begriff geworden. Nachdem Abercrombie-CEO Mike Jeffries dicke Frauen als unerwünschte weil „uncoole“ Randgruppe abgetan hat, die sich ja nicht unterstehen sollten, seine Mode zu tragen, hat Jess mit einem offenen Brief und der “Attractive & Fat“-Fotokampagne (einer Parodie auf die Werbesujets von A&F) geantwortet. Eine andere Aktivistin in Sachen Selbstliebe ist Model Tess Munster. In einer Zeit, in der man in der Modebranche schon mit Größe 40 als Repräsentantin der Übergrößen gilt, hat die Mutter eines Sohnes mit ihrer Kleidergröße 52 eine bemerkenswerte Karriere hingelegt und die #effyourbeautystandards-Kampagne gegründet. Dann gibt es noch Chrystal Bougon, Besitzerin von Curvy Girl Lingerie, Huffington-Post-Kolumnistin, die normale Frauen ermutigte, sich in hübschen Dessous zu fotografieren und die unretuschierten Bilder auf ihrer Facebook-Seite zu posten.  Und die zierliche Burlesque-Performerin Ida Tapper, die anderen Frauen beibrigen will, wie inspirierend Burlesque für Selbstliebe sein kann. Und Internet-Tanzsensation Whitney Thore, Gründerin der No Body Shame-Kampagne. Und Burlesque-Tänzerin The World Famous *BOB*, deren inspirierenden Selflove-Workshop ich vor zwei Jahren in NYC besucht habe. Und Jennifer Tress mit ihrem Projekt You´re not pretty enough. http://www.yourenotprettyenough.com/ Und Dichterin und Aktivistin Sonya Renee Taylor von The Body is not an Apology.  Und Musikerin und Yoga-Aktivistin Ivy Ross Ricci. Und die Kanadierin Louise Green, Gründerin der Plus-Size-Fitnesscenterkette Body Exchange. Und noch viele mehr …

Über 400 Frauen besuchten Workshops, hörten Vorträge und vernetzten sich

Über 400 Frauen besuchten Workshops, hörten Vorträge und vernetzten sich

Damit diese Frauen sich nicht nur im virtuellen Raum vernetzen, hat Jes Baker mit Hilfe einer Gruppe engagierter Freiwilliger in ihrer Heimatstadt Tucson die Body Love Conference auf die Beine gestellt, und viele der viele der Bloggerinnen und Aktivistinnen, deren Arbeit ich seit längerer Zeit verfolge, als Sprecherinnen eingeladen. Ich also wollte unbedingt nach Arizona reisen, auch, weil ich an einem neuen Kunstprojekt zum Thema Körper und Schönheit arbeite und mein Roman Venus in echt und mein Blog www.venusinecht.comsich mit der Frage beschäftigen, wie man lernen kann, einen dicken, also „anderen“ Körper lieben zu lernen, und wie man mit Kleidergröße 50 mutig und schön die Welt erobern kann. Mit Hilfe eines Reisestipendiums des österreichischen Kunstministeriums, dass ziemlich genau für Flug, Unterkunft und die Teilnahmegebühren an der Konferenz reichte, machte ich mich also auf nach Arizona.

Rheas Namensschild – das “& more” ist inzwischen eine lange Liste

Rheas Namensschild – das “& more” ist inzwischen eine lange Liste

Vierhundert Nordamerikanerinnen und eine aus Wien …

Die weltweit erste Body Love Conference fandam 5. April im Kongresszentrum der Uni in Tucson, Arizona statt. Über vierhundert Frauen aller Hautfarben, Altersgruppen und Körpertypen kamen nach Tucson, von Schülerinnen bis zu Pensionistinnen, von Körpertyp Waldelfchen bis Kleidergröße Wagnersopran, aus allen Teilen der USA und einige sogar aus Kanada. (Ich war die einzige Europäerin im Raum, und dass ich extra aus Österreich zur Konferenz angereist bin, war Jes eine Erwähnung in ihrer Eröffnungsrede wert).

Jes Baker bei ihrer Eröffnungsrede: “Wie wir unsere Körper sehen, bestimmt, wie wir an der Welt teilnehmen.”

Jes Baker bei ihrer Eröffnungsrede: “Wie wir unsere Körper sehen, bestimmt, wie wir an der Welt teilnehmen.”

Bei der Registrierung bekam jede von uns ein Namensschildchen, auf dem wir eintragen konnten, was wir an uns alles liebten. Ziemlich viele Frauen schrieben einfach “myself” oder “my body”, andere konzentrierten sich auf einen oder mehrere Lieblings-Aspekte. Die eigentliche Veranstaltung begann mit einer Eröffnungsrede von Organisatorin Jes Baker. Sie sprach davon, warum es so wichtig ist, die herrschenden negativen Selbstbilder zu hinterfragen, und zu transformieren. Um zu belegen, wie wichtig eine Body Love Revolution ist, fragte sie das Publikum, wer sich und ihren Körper eigentlich uneingeschränkt mag. Gerade zwanzig Hände reckten sich in die Höhe, kaum fünf Prozent der Anwesenden.

Jes Baker mit einer Auswahl der Sprüche, die sie wegen ihrer Körperform zu hören bekommt

Jes Baker mit einer Auswahl der Sprüche, die sie wegen ihrer Körperform zu hören bekommt

Jes sprach dann von den Folgen eines negativen Körperbilds, von den persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Selbsthass wie Essstörungen oder Depression, und davon, dass viel zu viele Frauen ein Leben in der Warteschleife leben. “Wir alle kämpfen einen Kampf, den wir eigentlich gar nicht kämpfen sollten.”

Die Folgen eines negativen Selbstbilds, und warum es so wichtig ist, eine Body Love Revolution ins Leben zu rufen

Die Folgen eines negativen Selbstbilds, und warum es so wichtig ist, eine Body Love Revolution ins Leben zu rufen

Nach Jes waren die Expertinnen an der Reihe, Vormittags und Nachmittags standen je zwei Blöcke mit Vorträgen und Workshop am Programm. Die Themen der Präsentationen reichten von Body Love Yoga, Körperliebe nach der Geburt eines Babys, Body Acceptance durch Creative Writing, über Burlesque für Anfängerinnen, Selbstliebe nach sexueller Gewalt, Heilung von Essstörungen, Erziehung von körper-positiven Kindern bis zu Quigong für alle, Sinnlichkeit und Behinderung, Karriere für kurvige Frauen und mehr. Ich hätte mich am liebsten geklont, um an möglichst vielen Veranstaltungen teilnehmen können.

Vortrag eins: Hot sex and the curvy girl

Chrystal Bougon, einst Programmiererin im Silicone Valley, ist seit zwei Jahren Besitzerin der einzigen amerikanischen Dessous-Boutique für große Größen. Einem breiteren US-Publikum bekannt geworden ist sie letztes Jahr, als sie eine Fotokampagne ins Leben gerufen und “normale” Frauen ermutigt hat, sich in Dessous ablichten zu lassen – und damit den Zorn der selbst ernannten “Fitness-Expertin” Maria Kang auf sich gezogen hat. Kang echauffierte sich öffentlich, Chystals Aktion “verharmlose Fettleibigkeit” und schleuderte auch sonst mit den üblichen Vorurteilen um sich. Chrystal, nach eigenen Angaben vollkommen gesund,  stellte sich den Anschuldigungen der “Fit Mom”, wurde von sämtlichen US-Medien portraitiert, und steigerte über Nacht den Umsatz von Curvy Girl Lingerie um über 500%. Auch eine produktive Art, mit negativen Vorurteilen umzugehen. Chrystal, die zwischen ihrer Tech-Karriere und der Eröffnung ihrer Boutique ein Jahrzehnt lang sehr erfolgreich Heimpartys für erotische Spielsachen veranstaltet hat, ist auf einer Mission: sie möchte Frauen aller Kleidergrößen beibringen, wie gut sie sich in ihren Körpern fühlen können. Ziemlich unverblümt redete sie über Sexspielzeug, Höhepunkte und darüber, dass sie mit ihren gut 300 Pfund ein tolles Liebesleben mit einem jüngeren Partner hat. “Ein Weg, sich selbst lieben zu lernen, ist, sich auf das Vergnügen zu konzentrieren, das einem der eigene Körper bereiten kann.” Ein Satz, den sich schlanke wie runde Frauen zu Herzen nehmen können …

Dick, sinnlich und wunderbar selbstbewusst: Chrystal Bougon

Dick, sinnlich und wunderbar selbstbewusst: Chrystal Bougon

 

Votrag zwei: Fearless Fitness and No Limits Living

Auch die Kanadierin Louise Green ist auf einer Mission: sie möchte runderen Frauen Fitness näherbringen, und zwar auf eine ganz neue Art, abseits von Diätzwängen und Kalorienzählen. Louise, deren Liebe zu Sport ihr aus einer dunklen Lebensphase voller Selbstzerstörung geholfen hat, erschafft mit ihrem Fitnesscenterkette Body Exchange (die es bisher in Kanada gibt, die bald aber auch in die USA expandieren soll) geschützte Räume, wo dicke Menschen die Freude an der Bewegung und am eigenen Körper wiederentdecken und stärken können. Sie sprach über die Hemmschwellen, die Dicke beim Beginn eines Trainingsprogramms überwinden müssen, und die manche davon abschrecken, überhaupt Sport zu treiben (Vorurteile, ahnungslose Trainer, dumme Kommentare, die Befürchtung, auch als sportlicher Mensch als Anfänger abgestempelt zu werden und mehr). Die Fitness-Expertin beklagte auch die einseitigen Bilder der Medien und vor allem der Sportartikelhersteller. “Je mehr sich die Leute in den Werbungen wiedererkennen, desto eher kaufen sie die Produkte.” Weise Worte …

Auch so sehen Athletinnen aus: Louise Green von Exchange Fitness

Auch so sehen Athletinnen aus: Louise Green von Exchange Fitness

Nudeln & Netzwerken

Beim Mittagessen (Salate, vegetarische Pasta und ungesüßter Eistee) hatte ich unter anderem die Gelegenheit, mit “Fat Chick Dancing” Whitney Thore und der Vortragenden Jennifer Chambers (“The Self Advocacy Toolbox – Steps for an Empowered Life”) und ganz kurz auch mit Model Tess Munster zu plaudern. Das Jes, ihre Mutter und Großmutter an meinem Tisch saßen, war ein zusätzliches Vergnügen.

Keynote-Rede: Model und Kämpferin, Tragödien und Triumphe

Nach der Mittagspause kam ein Vortrag der besonderen Art. Tess Munster, Plus-Size-Model und Gründerin der #effyourbeautystandards-Kampagne, erzählte, wie sie es schaffte, sich nach oben zu kämpfen und sich ihren Traum vom Modeln zu erfüllen. Wie es ihr gelang, eine Kindheit mit einem gewalttätigen Stiefvater und massivem Mobbing in der Schule hinter sich zu lassen und sich als alleinerziehende Mutter und mit einer in der Branche unerhörten Kleidergröße 52 zu etablieren, mit Fotografen wie David LaChapelle zu arbeiten und von der italienischen Vogue unter die besten zehn Plus-Models gewählt zu werden.

Tess Munsters Rede berührte das Publikum– Foto (c) Alee Schwarz – Quelle

Tess Munsters Rede berührte das Publikum– Foto (c) Alee Schwarz

Tess sprach auch offen über das Mobbing, dass ihr online entgegenschwappt, über die Tage, an denen sie sich gar nicht glamourös fühlt, über ihre Erfahrungen in der Modebranche und über frühre Aufträge, die sie heute nicht mehr annehmen würde. Besonders berührend: Tess´ Mutter, seit einer besonders grausamen Attacke ihres Exmannes körperlich behindert, konnte die Rede ihrer Tochter und die begeisterten Reaktionen des Publikums via Skype miterleben.

Vortrag drei: Mode und persönlicher Stil für jeden Körper

Elizabeth “Liz” Denneau, Modeschöpferin aus Tucson und Gründerin des Labels Candy Stike, ist eine Fashionista durch und durch. Ihre Liebe zu Mode und zu ungewöhnlichen Kreationen merkte man ihrem Vortrag an. Sie erzählte zuerst über ihren modischen Werdegang, und widmete sich dann den verschiedenen Körpertypen, gab Tipps, wie man seine Vorzüge am besten betont und verriet, warum man in Sachen Figur oft ein Mischtyp ist. Ihr Motto: “Zeig deine wunderschönen Kurven.” Sehr sympathisch: Liz hat ursprünglich fast nur Plus-Size-Mode entworfen, bietet inzwischen wegen der vielen Anfragen auch kleinere Größen an.

Elizabeth von Candy Strike (beim Vortrag und mit Autorin Rhea Krcmárová) trägt Mode als ihrer eigenen Kollektion …

Elizabeth von Candy Strike (beim Vortrag und mit Autorin Rhea Krcmárová) trägt Mode als ihrer eigenen Kollektion …

Votrag vier: Warum Boudoir-Fotografie?

Den letzte Vortrag des Tages hielt die Fotografin Liora K., aus Tucson. Ich kenne Lioras fotografische Arbeiten von Jes´ Blog, und war gespannt auf ihren Vortrag. Liora erzählte von der Geschichte von Boudoir-Abbildungen, gab Tipps, wie man die besten FotografInnen für ein Shooting findet, und verriet, warum es so immens wichtig ist, dass man solche Bilder in erster Linie für sich selbst macht, und dann erst für einen eventuellen Partner. Ihr Credo: “Die Bilder sollen dir gefallen, und du sollst dich wohl fühlen, damit deine wahre Schönheit sichtbar wird.”

Ob zierlich oder üppig, Fotografin Liora setzt alle Frauen gerne in Szene

Ob zierlich oder üppig, Fotografin Liora setzt alle Frauen gerne in Szene

Der Tag endete mit einer kurzen Ansprache von Jes, und dem Versprechen, dass es auch nächstes Jahr eine Konferenz geben werde: noch größer, und vor allem mit mehr Zeit für Workshops. Das Publikum applaudierte begeistert … Danach blieb einem eigentlich nur noch, sich zu stärken und frisch zu machen, für die abendliche Show in einem örtlichen Nachtclub – mit Burlesque, Tanz, Gesang, Akrobatik, moderiert von der wunderbaren World Famous *BOB*. Was für ein großartiger Abschluss für einen wunderbaren, inspirierenden, aufwühlenden Tag …

Autorin Rhea Krcmárová mit Organsiatorin Jes Baker: Müde, glücklich und inspiriert

Autorin Rhea Krcmárová mit Organsiatorin Jes Baker: Müde, glücklich und inspiriert

Rhea Krcmárová, in Prag geboren und in Wien und Umgebung aufgewachsen, ist die Autorin von Venus in echt, dem ersten erotischen Roman mit einer dicker Heldin, der in einem europäischen Mainstream-Verlag erschienen ist. Rhea bloggt unter www.venusinecht.com zum Thema Selbstliebe und Plus Size Lifestyle. Außerdem experimentiert mit transmedialer Textkunst und Buchkunst. Sie hat Theaterwissenschaften, Gesang und Schauspiel studiert, und ist Absolventin der Sprachkunst-Klasse an der Uni für Angewandte Kunst in Wien. Rhea ist unter anderem Stipendiatin der Wiener Wortstaetten, der Theaterbiennale Wiesbaden und der Kunstsektion des österreichischen Bundeskanzleramts (Projektstipendium Literatur 2014) und Preisträgerin der Wettbewerbs Schreiben zwischen den Kulturen. Rhea arbeitete schon als Journalistin, Seniorenbetreuerin, Empfangsdame und Testleserin für Liebesromane, und lebt als freie Autorin in Wien, wo sie an ihrem zweiten Roman arbeitet. www.venusinecht.com www.rhea-krcmarova.com

One thought on “Ein Besuch der ersten Body Love Conference

  1. Um diese Erfahrung beneide ich dich. Es mag noch ein langer Weg sein zur vollständigen Akzeptanz von „anderen“ Körpern, aber ich bin begeistert zu sehen, was sich tut. Tess und Jes sind Beide ganz große Vorbilder für mich, die mir einen Schubs gegeben haben.
    Danke für deinen tollen Bericht.

Comments are closed.