Was mir 5 Jahre im Wäschebusiness beigebracht haben (+Gewinnspiel)

Fünf Jahre – viel passiert. Ich habe viel gelernt, vor allem von euch. Was genau? Das habe ich mal aufgeschrieben. Am Ende dieses Beitrags erwartet euch übrigens ein Gewinnspiel 🙂 Es gibt 2 tolle Wäschesets zu gewinnen! 

Mein besonderer Dank geht an dieser Stelle an Denocte von Kurvendiskussionen, Anja von Everyday Boudoir und meine Twitter Timeline. Ihr habt mir jede Menge beigebracht. 

Alle Körper sind gute Körper

Manchmal sagen Kund_innen, ich solle mich nicht erschrecken oder nicht so genau hingucken. Meistens geht es dabei um Dehnungsstreifen, Narben, Fett an dieser oder jener Stelle. Immer seltener sehe ich, worum es geht. Woran liegt das? Ich habe in den letzten fünf Jahren als Lingerie Professional viele Menschen halbnackt gesehen. Das bringt der Job so mit sich. Sehr schnell merkte ich: Jeder Mensch sieht anders aus. Das alles ist ganz normal.

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Es wurde klar, dass es für Selbstzweifel keine objektiven Kriterien gibt. Jemand kann dem aktuellen Schönheitsideal nah und trotzdem unzufrieden sein. Die Umkehrung gilt gleichermaßen. Was eine Person als störend empfindet, wünscht sich eine andere. Alle meine Kund_innen haben gemeinsam, dass sie großartig sind. Zumindest sehe ich in jeder Person inzwischen etwas einzigartig Wunderbares, an das kein Bild aus einem Katalog jemals heranreichen könnte.

Um sichtbar zu machen, dass alle Größen „normal“ sind, finde ich es wichtig, auch alle Größen im Laden präsent zu haben. Cupgröße AA-O, Konfektionsgröße 32-60 – all das hängt sichtbar auf den Kleiderständern. Es ist eine Sache, dass Größen bestellbar sind, es fühlt sich aber anders an, wenn du ins Geschäft gehen kannst und deine Größe schon im Laden hängt und nicht erst aus dem Lager geholt oder bestellt werden muss. Das ist inzwischen bei mir möglich, dank meinen lieben Kund_innen.

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Nicht nur Frauen tragen BHs

Wenn es um BHs geht, so richtet sich das Angebot meist an Frauen. Dabei ist es völlig unabhängig vom Geschlecht, ob ein Mensch BHs tragen möchte oder nicht. Die Ansprüche von Menschen an Design, Aussehen, Material und Form sind unabhängig vom Geschlecht. Mein Job ist es, für deine Form und deine Wünsche das Richtige zu finden. Für die Beratung ist es nicht notwendig zu wissen, welches Geschlecht ein Mensch hat. 100% empirisch.

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Die eine Person mag eine rundere Brustform, die präsenter aussieht. Die andere Person möchte, dass der BH die Brust optisch kleiner aussehen lässt. Ob mit Spitze oder schlicht, bunt oder basic – die Vorlieben lassen sich keinem Geschlecht zuordnen. Und auch die individuelle Brustform lässt sich so nicht bestimmen. Eine Person kann ein Mann sein, eine andere Person eine Frau – ihre Brustformen können sehr ähnlich sein. Deshalb ist es nicht sinnvoll, sich von den Schubladen „Mann“ oder „Frau“ einschränken zu lassen. Stattdessen höre ich lieber zu, was die Person wirklich möchte und braucht.

Es geht (nicht nur) um Schönheit

In der Body Acceptance Szene liest man oft Sätze wie „Beauty comes in all shapes and sizes“ (dt. „Schönheit gibt es in allen Formen und Größen“) oder „All bodies are beautiful“ (dt. „Alle Körper sind schön“). Dahinter steht der Wunsch nach Akzeptanz von Diversität. Der allgegenwärtige Druck, einem gephotoshopten Ideal genügen zu müssen, soll gemildert werden. Das ist auf jeden Fall begrüßenswert. Jedoch wird uns dadurch beigebracht, dass Schönheit wichtig für unseren Wert ist. Wer schön ist, wird akzeptiert.

Wer definiert, was schön ist? Gerade in der Wäsche wird gutes Aussehen oft durch den (heteronormativen) männlichen Blick definiert. Wir kaufen schöne Dessous für besondere Gelegenheiten, d.h. für die Verführung. Das spiegelt sich in den Werbungen. Achtet doch mal drauf, wie selten Menschen in Unterwäsche in Alltagssituationen gezeigt werden. Dabei sind BHs vor allem Alltagskleidung.

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In der Realität fühlen wir uns jedoch nicht immer schön. Nicht alle können sich 24/7 akzeptieren und schön finden. Und das ist auch ok. Denn manchmal ist Schönheit einfach nicht wichtig. Manchmal geht es um Gemütlichkeit, weniger Rückenschmerzen oder ein „angezogenes“ Gefühl.

Ich merke, daraus könnte mal ein eigener Blogartikel werden. Es gibt noch viel dazu zu sagen. Die Essenz: Wie ein Mensch aussieht, sagt nichts über seinen Wert aus. Was dir gefällt, liegt ganz bei dir.

„Haut“ ist keine Farbe

Bei meinen ersten Besuchen in Wäschegeschäften hatte ich die Wahl zwischen „Schwarz“, „Weiß“ und „Haut“. „Haut“ bezeichnete dabei einen Farbton, der meiner eigenen Hautfarbe ziemlich ähnlich war. Was mir – und das ist furchtbar – lange nicht auffiel, obwohl es doch so offensichtlich ist: „Haut“ ist keine Farbe. Der Sinn und Zweck eines Wäschestücks in „Haut“ ist, unter hellen Kleidungsstücken möglichst unauffällig zu sein. Für eine person of color erfüllt ein beiger BH diesen Zweck nicht. Hauttöne sind vielfältig. Von Hell bis Dunkel, von Rosé über Gold bis Espresso.

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Ich freue mich, dass sich das Angebot langsam aber sicher erweitert und dass Herstellende Beschreibungen wie „Nuss“, „Zimt“ oder „Café au Lait“ nutzen. Klingt doch viel schöner. Und man kann sich eher vorstellen, welche Farbe das Kleidungsstück jetzt wirklich hat.

Gute Beratung ist Entscheidungshilfe und keine Verkaufsmasche

Eines meiner größten Bedenken war, dass sich Menschen zu Dingen überredet fühlen, die sie eigentlich gar nicht kaufen wollen. Das fand ich selbst bei Einkäufen in kleinen Geschäften immer doof. Es ist mir mehrmals passiert und hat mich in die Arme von anonymen Ketten und Onlineshops getrieben. „Ich habe das auch und ich trage nichts anderes mehr.“ – Och nö. „Das muss so sitzen, in Ihrer Größe finden Sie eh nichts Besseres.“ – Lass mal. 😀

Mein Traum ist ein Laden, der persönlich ist, aber Leute trotzdem nicht drängelt. Deshalb habe ich mich zunächst sehr zurückgehalten. Vom Anti-Überredungskonzept bin ich nach wie vor überzeugt. Ich habe allerdings inzwischen gelernt, dass ich als gute Beraterin auch eine Meinung haben darf und sollte.

Wenn alle probierten BHs viel besser sitzen als das bisher getragene Modell, ist man erstmal euphorisch. Ich kenne das. Deshalb war mein erster BH nach dem Brafitting auch nicht der, den ich heute am liebsten trage. Aber es waren Welten und ich war so happy. Das freie Gefühl war kein Vergleich zu vorher und – entscheidender Punkt – er war hier, sofort anziehbar (Anm.: Damals gab es keine mir bekannten Läden in Deutschland, die meine Größen geführt hätten, weshalb ich im Ausland bestellt habe).

Weil ich um diese rosarote BH-Brille weiß, ist es meine Aufgabe, auf die Feinheiten hinzuweisen. Nicht jeder BH, der toll passt, ist auf Dauer auch bequem. Oder gefällt dir, wenn du ein Oberteil darüber ziehst. Andere BHs sehen vielleicht auf dem Bügel langweilig aus, aber zusammen mit dir sind sie ganz toll. Ich kann sagen, ob der BH gut sitzt, aber du musst ihn anziehen und dich drin wohlfühlen. Mein Job ist es auch, dir Wege zu zeigen, dein persönliches BH-Wohlgefühl zu finden.

Mythen. Viele Mythen.

Irgendwann wurde ich ein bisschen betriebsblind. Wenn du schon hunderte Male erzählt hast, was einen guten BH ausmacht, wenn du irgendwann direkt siehst, welche Form und Größe die Person benötigt, ohne in der Nähe eines Maßbands zu sein, dann sagt dir dein Gehirn: Es ist offensichtlich. Aber das stimmt nicht. Offensichtlich ist das, was wir häufig vor Augen haben. Wenn Menschen in passender Unterwäsche fast nie sichtbar sind, weil auch die Models nicht das Passende tragen, woher sollen wir es dann wissen? Wenn unsere Eltern, Freund_innen und Geschwister ihr bestes Wissen weitergeben, sich aber auch nicht sicher sind, woher sollen wir es dann wissen? Wenn Magazine und Sendungen weiterhin dieselben Mythen über veraltete Tabellen und „was man mit _dem_ C-Cup tragen kann“ weitergeben, woher sollen wir es dann wissen?

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Ich habe dann an meine eigenen Anfänge mit Brafitting gedacht. Leute in meiner Größe im passenden BH zu sehen, war augenöffnend. Überhaupt jemand im passenden BH zu sehen, war augenöffnend. Zum Glück gab es Menschen, die mithelfen wollten, als Models in verschiedenen Größenbereichen von Größe 36 bis 42. Und da es schon so wenige dicke Lingeriebloggerinnen auf der Welt gibt, geschweige denn im deutschsprachigen Raum, habe ich mir irgendwann überlegt, selbst vor die Kamera zu treten. Dieser Schritt hat mich erstmal ein bisschen Mut gekostet. Ich habe ihn aber nicht bereut.

Wissen über passende Unterwäsche vermittelt Freiheit und ist ermächtigend. Deswegen werde ich auch weiterhin darüber schreiben und mit Bildern erklären. Deshalb möchte ich von dir wissen, was du auf dem Blog lesen möchtest. Schreib mir (in die Kommentare oder gerne auch in einer persönlichen Nachricht)!

Anlässlich meines 5 jährigen Firmenbestehens gibt es übrigens ein Gewinnspiel! Verlost werden 2 BH Sets von der Firma Wacoal, zu der eure beliebten Marken b.tempt’d, Freya und Elomi gehören. 

Um an der Verlosung teilzunehmen, kommentiere einfach diesen Beitrag. Teilnehmen kannst du bis zum 21. Dezember 207, 10 Uhr. Die Gewinner_innen werden am Donnerstag, 21. Dezember 2017 per Los ermittelt und dann per E-Mail benachrichtigt. Im Fall des Gewinns kannst du dir das passende Set in der BH Lounge aussuchen. Inklusive Beratung natürlich 🙂

 

„Embrace“ – Schönheit schützt nicht vor Selbstzweifeln

Am 11. Mai kommt die Doku „Embrace“ in die Kinos. Als ich den Trailer gesehen habe, dachte ich: „ Dieser Film ist wichtig.“ Er zeigt das, was ich täglich in meinem Job erlebe: Schönheit schützt nicht vor Selbstzweifeln. Der Film … Continue reading 

Modelled by Role Models – Vorbilder als Unterwäschemodels

Die britische Dessousmarke Panache Lingerie, eine eurer Lieblingsmarken in der BH Lounge, hat eine großartige Kampagne gestartet. „Modelled by Role Models“ – Vorbilder als Unterwäschemodels. Frauen, deren gesellschaftlicher Beitrag und persönliche Stärke herausragend sind. Frauen jeden Alters und unterschiedlichster Körperformen. … Continue reading 

Mein Abschiedsbrief. An die Diätindustrie.

Liebe Diätindustrie,

wir müssen reden. Ich habe in der letzten Zeit viel über uns beide nachgedacht. Ich weiß noch, wie das war, als wir uns damals kennenlernten. Da sagtest du mir, was ich machen muss, um mich schöner zu finden. Und dass ich das machen muss, damit andere mich schön finden. Das sei wichtig für ein erfolgreiches, glückliches und generell akzeptables Leben. Und so gesund.

Ich habe das alles gemacht. Es war eine gute Partnerschaft mit dir, wir haben viel zusammen erreicht, ich fühlte mich fleißig und erfolgreich. Allerdings mochte ich damals eigentlich nur dich und nicht mich. Und wenn ich genau darüber nachdenke, war ich da am wenigsten dick – aber auch am wenigsten gesund. Continue reading

Brafitting – eine feministische Angelegenheit.

Unterwäsche wird in der Werbung meist in sexuellen Kontexten dargestellt. Knappe Hauche von nichts, die von Damen mit Orgasmusblick präsentiert werden*. Und das auch in Kampagnen, die gar nicht für die Wäsche an sich werben. Es geht um Verführung. Glatte Frauenkörper buhlen um die Aufmerksamkeit eines oder mehrerer cis/hetero-Herren.

Was ist sexy?

Diese Bilder geben uns genau vor, wie Verführung auszusehen hat. Dabei ist „sexy“ für jede*n etwas anderes. Für mich ist es eine innere Haltung, das Gefühl, begehrenswert zu sein und Continue reading

#Thighgap, #BellyButtonChallenge und co

Im Moment grasiert ein neues Hashtag-Virus durchs Netz: #BellyButtonChallenge. Dahinter verbirgt sich ein simpler Test. Kannst du deinen Bauchnabel berühren, nachdem du deinen Arm hinterrücks um die Taille geschlungen hast? Falls ja – Congratulations! Falls nein – ab zur nächsten Diät! Endlich müssen wir uns nicht mehr fragen, ob wir zu dick sind. Der Test verrät es uns ja. [/Ironie off]

Belly-Button-Challenge, Thigh Gap oder Bikini Bridge – diese Netzphänomene sind alle ähnlich. Überall auf der Welt machen Menschen, insbesondere Frauen, Selfies von sich und teilen sie in den sozialen Netzwerken. Ich habe damit mehrere Schwierigkeiten: Continue reading