Mein Abschiedsbrief. An die Diätindustrie.

Liebe Diätindustrie,

wir müssen reden. Ich habe in der letzten Zeit viel über uns beide nachgedacht. Ich weiß noch, wie das war, als wir uns damals kennenlernten. Da sagtest du mir, was ich machen muss, um mich schöner zu finden. Und dass ich das machen muss, damit andere mich schön finden. Das sei wichtig für ein erfolgreiches, glückliches und generell akzeptables Leben. Und so gesund.

Ich habe das alles gemacht. Es war eine gute Partnerschaft mit dir, wir haben viel zusammen erreicht, ich fühlte mich fleißig und erfolgreich. Allerdings mochte ich damals eigentlich nur dich und nicht mich. Und wenn ich genau darüber nachdenke, war ich da am wenigsten dick – aber auch am wenigsten gesund.

Kuchenloop

Ich lasse mir von dir heute nicht mehr sagen, dass ich keine Torte essen soll. Ich esse sogar Torte in der Öffentlichkeit. Stell dir das mal vor! Und das, obwohl du mir viele Jahre lang immer ins Ohr gesäuselt hast, dass das jetzt einfach nicht erlaubt ist. Dabei ist Torte eine tolle Erfindung. Manchmal esse ich sie, während ich alleine in einem kleinen Café sitze und mich wohlfühle. Oder ich freue mich, wenn der Freund eine gebacken hat. Das kann er nämlich viel besser als ich. Und er freut sich, wenn es mir schmeckt. Das sind so kleine Momente, die machen mich fröhlich.
Manchmal finde ich einen Zettel auf meinem Schreibtisch, dass der Abend schön war, vielen Dank <3

Solche Momente hatte ich mit dir ehrlich gesagt noch nie. Du bist da so ganz anders als der Freund. Du backst keine Torte und schreibst keine Zettel. Du willst von mir nur was haben: Mein gutes Gewissen und mein Geld. Du bist das beste Beispiel dafür, was man eine Nehmer-Mentalität nennt.

„Ja,“ höre ich dich sagen „aaaaber! Wenn du nur nicht so disziplinlos gewesen wärst und dich mal zusammengerissen hättest, statt einfach so im Café dein Leben zu genießen! So geht das ja nun auch nicht. Es muss schon ein bisschen Eigeninnitiative… und was du dann alles für Kleider/berufliche Zukünfte/gesundheitliche Glücksgefühle/Partner_innen hättest haben können! Aber du wolltest ja nicht!
Dabei schaffen andere das doch auch. Will’s doch einfach mal!“

Das kann schon sein. Andere schaffen das. Auch wenn es vielleicht nur für ein, zwei, drei Jahre ist, aber sie schaffens. Was überhaupt nochmal? Ach ja, Abnehmen. Das ist ja wichtig. Immer. Denn Abnehmen, das ist gesund.
Dabei stimmt das gar nicht. Nicht jeder Mensch muss abnehmen. Nicht jeder Mensch kann abnehmen. Und nicht jeder Mensch wird gesünder durchs Abnehmen.

Meine Gesundheit kam nicht mit dem Abnehmen, sondern dadurch, dass ich endlich darauf gehört habe, was mein Körper wirklich braucht. Wann ich satt bin und wann hungrig. Wann ich Salat essen möchte und wann Schokolade. Wann ich loslaufen möchte und wann gemütlich auf dem Sofa sitzen. Mein Körper sagt mir das einfach so, ganz ohne dich. Weil ich ihn nicht mehr hasse. Wir haben jetzt eine gute Partnerschaft. Er sagt mir, was er zum Leben braucht. Ich gebe es ihm. Dafür trägt er mich.

Ich brauche nicht in Light-Produkte, Anti-Cellulitecreme oder sonstwas investieren. Ich sehe darin keinen Sinn für mich, sondern nur für dich. Du verdienst damit Geld, dass andere unglücklich mit ihrem Körper sind. Deshalb machst du Werbung dafür, dass alle Menschen schön aussehen könnten, wenn sie dir nur etwas von ihrem Geld abgeben würden. Am Ende haben sie nichts dafür bekommen. Ganz schön hinterhältig von dir.
Du bist die Bad Bank der Körperakzeptanz.

Bleiben wir realistisch, so wie du es immer mochtest: Das mit uns hat keine Zukunft. Wir haben uns auseinandergelebt, sind inzwischen einfach zu unterschiedlich. Ich verstehe, dass das für dich jetzt nicht leicht ist, aber unsere Wege trennen sich hier.

Ich weiß nicht, was ich dir zum Abschied wünschen soll. Vielleicht, dass du in dich gehst und dich änderst. Mach doch was sinnvolles. Zum Beispiel was mit Mode. Da ist für dicke Menschen nämlich noch Bedarf.

Was du auch machst, mach es mal gut!

Deine Anne

Disclaimer:
Ich möchte niemanden für den Wunsch nach weniger Gewicht verurteilen. Ich habe nur etwas gegen Firmen, die uns einreden möchten, wir müssten uns schlecht für unser Aussehen fühlen. Sie spielen mit Hoffnungen und Ängsten, um sich daran zu bereichern. Und in den meisten Fällen werden diese Hoffnungen enttäuscht, weil die Produkte oder Dienstleistungen auf Dauer nicht den gewünschten Effekt bringen.

Es nervt und ärgert mich, wenn Unternehmen auf mich zukommen, die Schönheitsoptimierungsprodukte über mich verkaufen wollen. Das Argument ist stets, dass ich die Menschen ja halbnackt sehe und ich dann leicht ein paar Abnehmpülverchen nebenbei verticken könnte, wenn die Leute in dieser Situation Unzufriedenheit mit ihrem Körper äußern. Einen derartigen Vertrauensmissbrauch begehe ich nicht,es widerspricht allem, wofür ich stehe.

 

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