Onlineshops zerstören den Fachhandel, oder? Was ich wirklich über Onlineshops denke.

Onlineshopping ist etwas Alltägliches. Ich kenne jedenfalls sehr wenige Personen, die noch nie online etwas gekauft haben. Es ist ja auch total bequem: Du sparst dir den Stress im Geschäft und bist nicht an Öffnungszeiten gebunden. Was total praktisch ist, wenn du immer dann arbeitest, wenn kleine Geschäfte geöffnet haben.

Als ich so 16 Jahre alt war und meine ersten modischen Experimente kaufte, hatte ich so meine Anlaufstellen. Ich wusste, wo es den Stil gab, den ich mir vorstellte und irgendwann auch, was wo wie viel kostet, so ungefähr. Mode war jedoch nicht nur eine Frage des Preises, sondern auch der Erreichbarkeit. Wenn die nächste Stadt 40km entfernt liegt, überlegst du dir eben doch, dich mal in der Nachbarschaft umzuschauen. Kleine Geschäfte hatten es so leichter, zu überleben.

Heute ist das nicht mehr so easy.

Wer ein Ladengeschäft hat, weiß, dass Laufkundschaft allein nicht ausreicht. Und dass Kund_innen gnadenlos Preise vergleichen. Mit einem Klick ist das heute möglich. Viele inhaber_innengeführte Geschäfte haben den Preiskampf verloren. Der Onlinehandel wurde zum Schreckgespenst, eine Großmacht, gegen die du dich als kleiner Laden nicht durchsetzen kannst.

Kleine Läden gewinnen selten den Preiskampf. Dafür kannst du direkt anprobieren, bekommst einen Kaffee und wirst beraten.

Kleine Läden gewinnen selten den Preiskampf. Dafür kannst du direkt anprobieren, bekommst einen Kaffee und wirst beraten.

Dabei wird jedoch vergessen, dass insbesondere im Bereich Dessous und Wäsche „online“ gar nicht das ganze Problem beschreibt. Wer schon einmal nach einem gut sitzenden BH gesucht hat, steht erst mal vor dem Größenproblem. Und selbst wenn du ungefähr deine richtige(n) Größe(n) weißt, kann es trotzdem sein, dass du 100 BHs bestellst und 100 BHs wieder zurückschickst.

Manchmal kommt es auf den Milimeter an.

Deine BH-Beraterin sieht meist sofort, welche Modelle dir passen können und welche du nicht probieren musst. Das macht das Einkaufen im Geschäft natürlich um einiges leichter. Allerdings, und das muss man mal ehrlich zugeben, sind nicht alle BH-Beraterinnen gut. Manche haben Verkaufsdruck und möchten dir etwas andrehen, was nur mäßig passt, weil gerade nichts anderes da ist. Oder sie bewerten deine Körperform und machen so den Einkauf zu einem unangenehmen Erlebnis. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die ihr Geld gern bei einem lokalen Unternehmen gelassen hätten, wenn sie nicht eine (oder beide) dieser Fälle zu oft erlebt hätten. Das ist eine nicht zu unterschätzende und traurige Facette der Onlineproblematik.

Eine andere Seite ist eine Frage der Gewöhnung.

Durch große Shops wie Amazon und co sind wir gewohnt, eine unendliche Auswahl zu haben. 3000 Artikel sind gar nichts. Das ist natürlich etwas, was ein kleines Geschäft nicht leisten kann. Wenn du z.B. einen Basicartikel in allen Größen einkaufen möchtest, dann landest du schnell bei 150 BHs. Das ist aber nur ein Modell. In einer Farbe. Ohne Unterteile. Du kannst dir in etwa vorstellen, wieviel Platz und welche enorme Investition zu tätigen müsstest, um für jede_n das passende Wunschmodell da zu haben. Gepolstert, ungepolstert, bedeckend, für tiefe Ausschnitte geeignet, trägerlos, nahtlos, schlicht oder mit Spitze. In Schwarz, Weiß, Beige, Braun, Pink, Rot, Hellblau, Dunkelblau… Das ist etwas, was ein kleiner Shop nicht leisten kann.

Allerdings, und das ist die gute Nachricht für Händler_innen: Auswahl kann auch überfordern. Kaum jemand hat Lust, aus 3000 Teilen 20 auszusuchen, die optisch gefallen, dann aber beim Anprobieren doch ein Reinfall sind. Oder die zwar toll passen und aussehen, aber nach den ersten paar Wäschen auseinanderfallen. Eine gute BH-Beraterin ist deshalb auch eine kluge Einkäuferin. Sie weiß, dass nicht jedes Modell im gesamten Größenspektrum gut sitzt. Deshalb kauft sie gar nicht alle Größen ein. Und du musst dich nicht bei der Anprobe mit Modellen mit geringer Trefferchance herumärgern.

Ein damals sehr beliebtes Modell: Kalyani Natural Charm. Umwerfende Farbkombi, hoher Baumwollanteil. Leider in meiner alten Größe 40J für die wenigsten geeignet.

Ein damals sehr beliebtes Modell: Kalyani Natural Charm. Umwerfende Farbkombi, hoher Baumwollanteil. Leider in meiner alten Größe 40J für die wenigsten geeignet.

Genauso ist es auch bei kleinen Onlineshops. Auch sie treffen eine qualitative Auswahl. Und bieten retourfreudige Artikel erst gar nicht an, weil es nicht wirtschaftlich ist. Und gut für Ihre Kund_innen. Weil sie nicht darauf bauen möchten, dass jemand die Rücksendefrist schon versäumen wird. Aus den oben erklärten Gründen ist es nicht leicht, schon zu Beginn all das anzubieten, was man den Kund_innen bieten möchte. Es ist einfach zu teuer. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass viele kleine Shops lernen. Sie hören zu und stellen sich auf die Nachfrage der Kund_innen ein. Die großen sind da doch oft schwerfälliger. Oder möchten nur eine bestimmte Kundschaft mit einem bestimmten Style (um nicht zu sagen: einer bestimmten Form und Kleidergröße).

Das größere Problem – die Ketten

Ein Problem für uns alle sind da eher die großen Ketten, die „Beratung“ auf ihre Fahnen schreiben, und Aushilfen einstellen, die gerade mal wissen, wie ein Maßband aussieht. Nichts gegen die Aushilfen. Das ist alles eine Frage der Kosten für Weiterbildung. Und weil die Wäsche billig sein soll und deshalb gekauft wird, muss das Maßband eben ausreichen.

Diese Politik ist für kleine Geschäfte – offline wie online – ein Problem. Sie sorgt für weitere Fehlkäufe. Und weil diese unter dem Label „Beratung“ getätigt wurden, für noch mehr Unzufriedenheit und weniger Vertrauen. In die Branche oder in den eigenen Körper.

Und weil das unglaublich schade ist, denke ich, dass die Kleinen zusammenhalten müssen. Offline wie online. Weil wir alle das gleiche Ziel haben: Etwas zu tun, was uns und euch Freude bringt und wovon wir auch leben können.

Natürlich hatte ich sie auch, meine Online-Ärger-Momente.

Wenn mich jemand fragt, ob es meine BHs nicht woanders online günstiger gäbe. Ob ich da nicht was empfehlen könnte, wo man diese exotischen Größen findet. Wenn Schilder fotografiert werden, um später danach im Internet zu suchen, nachdem ich eine Stunde kostenlos beraten habe oder zu unmöglichen Zeiten extra ins BH Studio gefahren bin. So was enttäuscht mich. Und ich denke dann: Kauf gerne online, aber dann musst du deinen Kaffee und deine Gummitiere, die du soeben bei mir verzehrt hast, auch selbst bezahlen.

Zum Glück sind das aber Einzelfälle. Und Menschen, die ehrliche Arbeit und Beratung nicht wertschätzen, die gibt’s wohl überall. Für mich ist das kein Grund mehr, auf die Onlineshops böse zu sein. Zumindest nicht auf die kleinen 😉

*** Dir gefällt, was du gelesen hast? Freut mich 🙂 Folge meinem Blog auf Bloglovin oder werde Fan der BH Lounge auf Facebook oder Instagram. ***