Sport. Eine Geschichte ohne Vorher-Nachher-Bilder.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich war in „Sport“ immer eine Niete. Bei den Bundesjugendspielen bekam ich eine Teilnahmeurkunde. Wurden Mannschaften aufgestellt, gehörte ich zu den Letzten, die gewählt wurden. Meine Schwimmabzeichen beschränken sich auf das Seepferdchen.

Ich machte immer wieder die Erfahrung, dass Sport mit Demut, nicht mit Spaß verbunden war. Es war wohl etwas, was man eben konnte oder nicht. Einmal sagte eine Lehrerin, nicht, was man am Ende könne, sei entscheidend für die Note, sondern welche Fortschritte man gemacht habe. Bestand doch noch Hoffnung? Ich strengte mich während dieses Halbjahrs unglaublich an. Am Ende bekam ich eine 4. Die Leistung entsprach nicht den Vorgaben im Lehrplan, aber man habe gesehen, dass ich mir Mühe gegeben hätte. Ich sagte mir: „Werde ich eben Denkerin. Dafür brauche ich keine 1 in Sport.“

Natürlich habe ich auch die „Wer abnehmen will, muss Sport treiben“-Phase durch. Ich sagte mir:“Wenn du das jetzt durchstehst, wirst du dünn und schön sein“. In meiner Vorstellung war Laufen der einzig richtige Sport zum Abnehmen. Damals hatte ich noch keinen Zugang zum Internet und bastelte mir daher meinen eigenen „Trainingsplan“. Das ging so: Aus dem Haus gehen, sofort losrennen, bis du nicht mehr kannst und dir die Lungen und die Seiten wehtun. Jeden Tag kommst du dann ein bisschen weiter.

Das war natürlich wenig motivierend. Und mehr Kondition konnte ich dadurch auch nicht aufbauen. Mein Lebensgrundsatz „Du bist unsportlich und Sport ist doof“ verfestigte sich.

Sport ist häufig mit Leistung verknüpft. Es geht darum, schneller zu werden, mehr Gewicht zu stemmen, mehr Kalorien zu verbrennen. Oder bei der nächsten Insta-Challenge möglichst viele Likes für den definierten Nachher-Körper zu bekommen. Sport ist Arbeit, man muss Grenzen überschreiten, hart zu sich sein. Bäm!Beim „richtigen“ Sport powert man sich aus, man ist schnell und schwitzt viel. Wer lieber walken geht oder sich zum Tai-Chi im Park trifft, macht hingegen „nicht so richtig Sport“. Warum eigentlich? Das Ziel muss nicht immer sein, irgendwelche Rekorde zu knacken. Eine gleichmäßige Atmung, Beweglichkeit oder ein freier Kopf können im Mittelpunkt stehen.

Für mich ist Sport inzwischen keine Arbeit mehr, sondern eine Party. Eine Möglichkeit, zu feiern, was mein Körper alles kann. Eine Möglichkeit, um Stress und negative Gedanken loszulassen.

Wie kam es zu diesem Wandel? Angefangen hat alles mit Schwimmen. In den Monaten zwischen Schule und Studium hatte ich Zeit zum Entdecken. Was mir wirklich liegt, was ich immer schon mal gerne machen wollte. Ich wollte schon immer mal im Mai ins Freibad gehen. Die Vorstellung des kalten klaren Wassers, der Ruhe, weil es um diese Jahreszeit vielen noch zu kalt ist, dann die Natur – das fand ich irgendwie schön. Damals hatte ich auch noch einen Badeanzug, der mir absolute Sommergefühle machte: Cremeweiß mit Retro-Blümchen drauf. Ich fühlte mich ein bisschen wie aus den 70ern entsprungen.

 

Dieser Retrobikini ist sowas wie ein wahrgewordener Traum. Ich liebe das Design. Den See liebe ich auch. Das Bild ist – glaube ich –  von 2015, leider habe ich von meinem Badeanzug keine Bilder.

Während ich zunächst nur 100m am Stück schaffte, konnte ich bald eine halbe Stunde lang schwimmen, ohne zu pausieren. Diese halbe Stunde fühlte sich wunderbar erfrischend an. Die gleichförmige Bewegung ließ mich zur Ruhe kommen und machte den Kopf frei. Sich hinterher so angenehm innerlich warm und beweglich fühlen – das liebe ich am Schwimmen.

Übrigens habe ich mich im Bikini schon immer sicher gefühlt. Und das auch während der Zeiten meines Lebens, in denen ich mich voll bekleidet nicht so wohlfühlte. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht so darauf achte, ob andere gucken, weil ich meine Brille zum Schwimmen absetze. Oder dass ich mich in der Schwimmhalle wie im Urlaub fühle. Das warme Licht, türkisblaues Wasser und Palmen… kein Handyklingeln, nach dem Schwimmen noch bei einem leckeren Getränk entspannt hinsetzen. Toll!

Es gab dann auch Zeiten, in denen ich mich wenig bewegte. Das lag nicht so sehr daran, dass ich nicht wusste, was ich gerne machen würde. Zu dieser Zeit wog ich um die 110 Kilo, trug Kleidergröße 52/54 und war Kommentare von wildfremden Menschen auf der Straße gewohnt. Diese Kommentare waren nicht nett. Sie legten mir nahe, doch nach Hause zu gehen. Und noch viele unschöne Dinge mehr. Ich fürchtete mich. Mir setzte das zu. Ich mochte nicht mehr bei Tageslicht Fahrradfahren.

Ich bin sehr dankbar für den lieben Mann an meiner Seite, der mit mir Kommentare abwehrte und sagte: „Ich find dich toll. Ich würde gerne mit dir Fahrradfahren.“ Ich fasste wieder Mut. Es vergingen ein paar Monate. Ich googelte nach dicken Sportlerinnen. Und der Mann filmte mich von hinten auf dem Fahrrad, damit ich sehe, wie ich aussehe. Das war sehr heilsam. Sah doch ganz normal aus 😉

Vor ein paar Jahren ging ich eines Abends spazieren und merkte: „Das reicht dir jetzt nicht.“ Mein Körper sagte: „Lauf!“ Ich ging nach Hause, schlüpfte in Blümchenleggings und Bandshirt und lief. Es war unbeschreiblich.
Es ging dabei gar nicht so sehr darum, viel zu erreichen. Ich war vielmehr erstaunt darüber, dass mein Körper das so deutlich sagte und dass es dann funktionierte. Ich rannte. Ich hechelte nicht. Ich fühlte mich frei.

Anne nach dem Laufen. Inklusive Blümchenleggings.

Heute gehe ich einmal die Woche mit meiner Freundin Schwimmen. Wenn wir dabei aufgeregt über Politik und Aktivismus diskutieren, vergeht die Zeit im Wasser schnell. Wir wundern uns, dass wir eine Stunde geschwommen sind und es gar nicht gemerkt haben. Manchmal erzählen wir uns einfach, was gerade so los ist. Dann schwimmen wir wohl etwas langsamer, das ist auch sehr schön 🙂

Laufen gehe ich auch noch, aber nicht nach Trainingsplan. Das ist dann mehr so etwas Akutes. Wenn ich wütend bin und das mal raus muss. Wenn ich mich freue über das Leben und die Arbeit und die Familie und das mal raus muss. Oder weil ich ein Problem schon seit Tagen in meinem Kopf bewege, aber es nur wirrer wird. Joggen ist so wie aufräumen, nur im Kopf. Ich bin ein nachdenklicher Mensch. Darum brauche ich das.

Sportliche Menschen, die mich inspirieren:
Dörte von Kurvenreich Yoga, Fitnesstrainerin und Yogalehrerin, die vor allem dicke Menschen wieder für die Bewegung begeistert.
Tina von Aquamondo, Aquafitnesstrainerin für alle Körperformen, die den Leistungsgedanken gerne in den Hintergrund stellen möchte
Denocte von Kurvendiskussionen, Blogkollegin, Wäschenerd und Poledancerin
Chrissi von CJ Room, schreibt tolle Texte übers Laufen und Denken. Und Instafotos von ihren Joggingtouren unter dem Hashtag #runfatgirlrun (Was das ist, das könnt ihr mal selber herausfinden, der Blogartikel ist schon so lang 😉 )

Ich hatte die Idee zu diesem Artikel schon länger im Kopf. Angestoßen wurde er durch die aktuelle Sportkleidungs-Aktion in der BH Lounge. Ich mag den Text hier jetzt aber nicht mit Werbung versauen. Wer mehr wissen möchte, schaut auf Facebook, Insta, Twitter und natürlich im Newsletter 🙂 Vielleicht ist dieser Artikel der längste auf dem Blog. Ich hatte aber das Gefühl, dass das auch ok ist. Meine Reise mit dem Sport war schließlich auch lang 🙂 Wie ist das bei euch? Macht ihr Sport oder würdet ihr gerne Sport machen? Schreibt es in die Kommentare!

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