„Embrace“ – Schönheit schützt nicht vor Selbstzweifeln

Am 11. Mai kommt die Doku „Embrace“ in die Kinos. Als ich den Trailer gesehen habe, dachte ich: „ Dieser Film ist wichtig.“ Er zeigt das, was ich täglich in meinem Job erlebe: Schönheit schützt nicht vor Selbstzweifeln. Der Film erinnert mich an meine eigene Körpergeschichte. Ich möchte euch davon erzählen.

Vor einigen Jahren sah ich ein Bild. Darauf war eine Frau zu sehen, auf ihrem in die Kamera gestreckten Bauch standen die Worte „Start a revolution. Stop hating your body.“ (dt. Starte eine Revolution. Hör‘ auf, deinen Körper zu hassen.). Mein allererster Gedanke war: „Aber das geht doch nicht!“ Die Idee, dass eine unperfekte Person so mit sich zufrieden sein darf und das auch ehrlich meint, erschien mir komplett absurd. Irgendwie falsch und faul.

Listen

Seit ich neun war, hatte ich eine imaginäre Liste mit Dingen, die sich ändern müssen, damit ich zu einer respektablen Person werde. Damit ich schön bin. Ich dachte: „Wenn ich schön bin, dann bin ich auch wertvoll.“

Ich arbeitete die Punkte auf dieser Liste ab. Ich war froh, wenn jemand anderes dickere Oberschenkel hatte als ich. Oder unreinere Haut. Dadurch fühlte ich mich safe.

Es kam der Tag, an dem ich alle Punkte auf der Liste abgehakt hatte. Der Tag mit Kleidergröße 36. Wohler fühlte ich mich immer noch nicht. Ich machte eine neue Liste.

So ging es auch Taryn Brumfitt, die den Film „Embrace“ gemacht hat. Auch Taryn Brumfitt machte eine Liste. Nach der Geburt ihrer Kinder wollte sie etwas an ihrem Körper verändern. Keine hängenden Brüste, weniger Fett an Bauch und Oberschenkeln. Was eine eben so stört, normal. Sie hielt Diät und trainierte, bis sie einen modernen Körper hatte, schlank und fit. Zufriedener wurde sie nicht. Sie lockerte ihren Diät- und Trainingsplan, nahm wieder zu und dachte über eine Schönheitsoperation nach. Doch kurz vor dem Termin sagte sie ab.

Taryn Brumfitt dachte an ihre Tochter. Sie wünschte sich, dass ihre Tochter ihren Körper nicht hasst. Taryn Brumfitt wollte für ihre Tochter ein Vorbild sein. Sie wünschte sich, dass dieser Mensch, den sie so sehr liebt, nicht erst aufs Glücklichsein wartet, dass dieser Mensch sich nicht durch Normen davon abhalten lässt, die Dinge zu tun, die sie tun möchte.

Wenn ich erstmal schön bin…

Viele Menschen denken, dass ein perfekterer Körper dafür sorgen kann, dass das Leben einfacher wird. Es ist leichter, beliebt zu sein, Freund_innen und Partner_innen zu finden, den richtigen Job und passende Kleidung zu bekommen. Zufriedener zu sein. Soweit kommt es meistens nicht. Denn es ist nie genug. Bis du einsiehst, dass Körper eben nicht perfekt sind.

Nora Tschirner erfuhr von „Embrace“ durch Kickstarter. Sie unterstützte das Crowdfunding und trat mit Taryn Brumfitt in Kontakt. Sie wurde Co-Produzentin des Films und beschreibt in einem Interview ziemlich treffend, was wir hier für ein Problem haben:

„Gesellschaftliche Schönheitsideale bergen eine gefährliche Verheißung, sie verschweigen, dass es Körperdiversität gibt, erheben eine einzelne Körperform zum allgemeingültigen Maß aller Dinge, und zwar übrigens zynischer- und absurderweise jede zweite Dekade eine neue, und gaukeln vor, dass bei Erreichen dieser äußeren Form, das Innere, das Selbst durch Gesundheit, Seelenfrieden und Lebensglück belohnt wird, was schlicht Quatsch ist. „

Taryn Brumfitt und Nora Tschirner auf dem roten Teppich

Ich sehe aus beruflichen Gründen viele Menschen halbnackt. Das hat mein Bild von Körperlichkeit und Normalität komplett umgekrempelt. Von Anfang an wollte ich meinen Kund_innen und Freund_innen ein Gefühl geben, dass sie sich hier frei bewegen können. Kommentare zum Körper haben hier keinen Platz. Dadurch, dass ich das radikal umsetzte, entstand nicht nur eine Atmosphäre, in der sich die Beratenen wohlfühlten. Meine eigene Zensur im Kopf wich Entspannung. Ich hörte auf, mich zu vergleichen. Und ich hörte auf, bei anderen zu denken „Also, hier sind die Oberschenkel etwas weniger wellig als bei der Person davor, also ist diese Person normaler und schöner und… äh, ja, was und?“ Genau. Was für ein Bullshit. Diese ganzen Einordnungen, die mir vorher extrem wichtig gewesen waren, erschienen mir auf einmal absurd, irrelevant, lächerlich.

Mehr als nur Hintern

Als Taryn Brumfitt für ihren Film recherchierte, bat sie Menschen, ihren Körper mit einem Wort zu beschreiben. Die meisten wählten ein negatives Wort. Hässlich. Unförmig. Abstoßend. Die Beschreibungen waren vollkommen unabhängig von der tatsächlichen Nähe des Körpers am aktuellen Schönheitsideal.

Ähnliche Erfahrungen machte ich in der Umkleidekabine. Auch Menschen mit weniger Po oder Bauch oder Bein haben Listen. Wie umfassend die Kritikpunkte und „Problemzonen“ auf diesen Listen sind, steht selten im Zusammenhang mit dem realen Äußeren. Das machte mir klar, dass es hier um mehr als nur um Hintern geht.

Dieses etwas andere vorher-nachher-Bild postete Taryn Brumfitt auf Facebook. Anhand der nicht nur positiven Reaktionen erkannte sie: Wir müssen über einiges reden! (Oder einen Film drehen 🙂 )

Diese Listen sind nicht nur selbst erstellt. Dahinter steht nicht nur eine Gesellschaft, die so auf den Körper fokussiert ist, dass sie sich keine Zeit mehr für andere Inhalte nimmt, sondern eine ganze Industrie, die an unserem Unglücklichsein verdient. Und der daran gelegen ist, dass wir auch unglücklich bleiben. Auch ich bekam schon häufig Anfragen von Diätproduktverkäufer_innen und Körpermodellierer_innen, die mir eine fette Provision versprachen, wenn ich ihre Produkte an unzufriedene Menschen verticke, die ihrer Unzufriedenheit mit ihrem Körper vor dem Spiegel Luft machen. Das mache ich nicht. Sorry, not sorry.

Im Laufe der Zeit wurde mir einiges klar. Sich von Zweifeln frei zu machen, ist nicht leicht. Und wir sind nicht so frei von Manipulationen, wie wir das gerne hätten. Klar, ich wusste immer, dass schicke Werbebilder bearbeitet und geglättet werden und dass Menschen so nicht aussehen. Aber in welchem Maße das passiert und auf mich doch Einfluss nimmt, wurde mir erst durch die Begegnungen mit Vielfalt bewusst. Ausstrahlung und Auftreten sind die Faktoren, die uns attraktiv sein lassen. Und mit wachsender Gleichgültigkeit gegenüber den Formen, in die wir uns pressen lassen sollen, steigt der Freiraum für die Gestaltung des Äußeren. Niemand ist für jede_n attraktiv, das ist was ganz Normales und auch gar nicht nötig, um zufrieden zu sein. Es bleibt ein wohliges Gefühl im Bauch und ein freier Kopf, für andere spannende Dinge.

Dein Aussehen zu akzeptieren, bleibt ein rebellischer Akt

Die imaginären Listen sind dauernd um uns herum. Und solange Menschen ihren Selbstwert aus dem Vergleich mit anderen zu ziehen versuchen, bleibt Körperakzeptanz ein rebellischer Akt. Aber es lohnt sich. Auch wenn es schwer ist, sich von abwertenden Kommentaren nicht mitreißen zu lassen. Das merke ich immer wieder – ein offener Umgang mit mir selbst und meiner Körperform schützte mich nicht vor strengen bis echt üblen Kommentaren anderer. Zuweilen kann mich das echt zurückwerfen und deprimieren. Aber dann gibt es solche Filme wie diesen und ich bin sehr dankbar dafür. Weil er mich daran erinnert, dass andere Leute kein Recht haben, mir abwertende Bemerkungen über mein Aussehen ins Gesicht zu schleudern. Wer nicht hingucken will, soll halt weggucken. Und wer so spricht, hat meistens ein ganz anderes Problem, als dass ich mal eben mit Kleidergröße 46/48 und Minirock durch sein/ihr Blickfeld laufe 😉

Dieser lange Blogbeitrag endet mit Worten von Taryn Brumfitt: „Liebe deinen Körper wie er ist, er ist der einzige, den Du hast!“

Embrace“ läuft als Kino-Event nur am 11. Mai 2017 deutschlandweit in ausgesuchten Kinos. Hier in Hannover könnt ihr ihn im Astor und im Cinemaxx sehen, am 12. Mai 2017 wird es auf Facebook eine Live-Diskussion mit Co-Produzentin Nora Tschirner geben. Vielleicht sehen wir uns ja im Astor. Ich freu mich schon drauf! 

Zum Weiterlesen: Tina schreibt auf Aquamondo.eu über ihre 7 Erkenntnisse aus dem Film Embrace. Auf Aquamondo geht es um Aquafitness und Schwimmen. Und zwar nicht nur unter dem Aspekt, den idealen Körper durch Sport zu erlangen, sondern einfach Freude am Wassersport zu entdecken. Egal, welche Kleidergröße du trägst.

Anja kennt ihr sicher schon von ihrem Blog Everyday Boudoir. Sie ist jedoch nicht nur Wäscheexpertin und Lingeriefan, sondern auch Psychologin. Einer ihrer Schwerpunkte ist Körperakzeptanz und Selbstliebe. Auf ihrem Corporate Blog schreibt sie darüber, wie sie den Film erlebt hat und weshalb sie ihn wichtig findet.

Weitere Informationen zu Taryn Brumfitt und der von ihr initiierten Bewegung: https://bodyimagemovement.com/embrace-the-documentary/

Offizielle Facebook-Seite zum Film: http://www.facebook.com/embrace.derfilm

 

 

 

5 thoughts on “„Embrace“ – Schönheit schützt nicht vor Selbstzweifeln

  1. „Das merke ich immer wieder – ein offener Umgang mit mir selbst und meiner Körperform schützte mich nicht vor strengen bis echt üblen Kommentaren anderer. Zuweilen kann mich das echt zurückwerfen und deprimieren. Aber dann gibt es solche [Blogposts] wie diesen und ich bin sehr dankbar dafür.“
    Danke für diesen Text, liebe Anne!
    Danke auch für die (körperbewertungs)freie Atmosphäre in der Lounge, die ermöglicht, was eigentlich „normal“ sein sollte: Unterwäsche zu kaufen, ohne sich auch noch mit abschätzigen Blicken und Kommentaren zum eigenen Körper herumschlagen zu müssen. Ich wünschte, die Welt hätte ein bisschen mehr von der BHLounge. Aber wenn mein Selbst ein bisschen mehr davon hat, ist auch schon viel erreicht.

  2. Liebe Anne-Luise, darf ich dir einfach mal ganz unverblümt sagen – für diesen Text liebe ich dich!
    Oder moderner und etwas weniger direkt: Ich feier dich gerade ganz hart. Ich lese sehr gerne deine Meinung und bin froh über deine klugen, achtsamen Worte, ob hier, bei FB oder im persönlichen Gespräch.
    Bleib, wie Du bist!

  3. Pingback: Embrace: Nur am 11. Mai 2017 in deutschen Kinos! | Anja-Wermann.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ 72 = 81