„Können Sie das auch bestellen?“

Ich werde häufiger mal gefragt, ob ich das hier nebenberuflich mache. Da ich nur drei Tage die Woche Öffnungszeiten habe, fragen sich Menschen: Was geschieht in der restlichen Zeit? Einzeltermine und das ganze Drumherum. Das Drumherum macht den größten Teil der Arbeit aus, ist aber nach außen am wenigsten sichtbar.

Als Kundin konnte ich mir nicht vorstellen, was da so lange dauert. Ich dachte: „Ich kauf‘ da ja was, also können die sich auch ein bisschen anstrengen.“ Und wenn eine Bestellung 4 Wochen dauert, liegt der Verdacht nahe, dass da jemand faul oder unorganisiert ist.
Um Diskussionen zu vermeiden, neigt man zu einer „Ist halt so“-Antwort. Das erzeugt jedoch bei Kund_innen das Gefühl, etwas Unerlaubtes gefragt zu haben, abgespeist zu werden. Schade. Ich möchte mit euch aber lieber auf Augenhöhe sprechen. Deshalb gibt es diese Artikelserie. Sie ist ein Experiment für mehr Transparenz.

Zum Beispiel Bestellungen

Viele Menschen haben schon mal irgendwas irgendwo bestellt, entweder früher, da gab es diese Karten in den Katalogen oder eine Hotline. Bei der konnte man anrufen. Karten und Hotlines gibt es immernoch, die Masse schaut aber heute online. Wir sind es gewohnt, zwar etwas warten zu müssen, wenn wir etwas bestellen, aber nach 1-2-3 Werktagen ist es bei uns. Easy.

Und genauso müsste das doch funktionieren, wenn ich bei meinen Firmen bestelle. Kurz anrufen oder was eintippen, warten, 3 Tage später da. Ganz einfach.

Das wäre nett, funktioniert aber leider nicht, zumindest dann nicht, wenn die Lounge weiterhin eine Tätigkeit sein soll, von der ich meine Krankenversicherung bezahlen kann. Warum? Let me explain:

Der Bestellfinger zuckt

So haben wir das früher im Busenfreundinnenforum genannt, wenn wir heiß auf neue Modelle waren oder es irgendwo einen Schnapp gab. Zum Beispiel haben viele Busenfreundinnen auf die neusten Modelle von einer polnischen Designerin gewartet, deren BHs im Forum sehr beliebt waren. Und weil der Versand nicht günstig war, man aber nur direkt dort bestellen konnte und schnell sein musste, damit die Größen nicht ausverkauft waren, tat man sich zusammen. Sammelbestellung. Das dauerte immer ein bisschen. Alle mussten erstmal sagen, was sie wollten und in welcher Größe und in welcher Farbe. Eine Person gab das dann ein, kümmerte sich um die Finanzen, kümmerte sich um die Verteilung. Und den Rückversand bzw eine Umtauschbestellung.

In diesem Fall bin ich diese Person, nur ohne Umtauschoption und mit Mindestbestellwert.

Die Pinnwand in meinem Büro mit euren Wünschen. Hinter jedem Herz verbirgt sich eine Bestellung.

Der Werdegang einer Bestellung

1) Wünsche & Kontaktdaten notieren.

2) Sammeln. Bis die jeweilige Minimumorder erreicht ist.

3) In meinem Bestand nachschauen. Was braucht das Basicsortiment der Lounge noch? Gibt es das bei diesem oder jenem Hersteller? Was wird in der nächsten Zeit an Saisonware reinkommen und in welchen Größen braucht die Lounge dann etwas?

4a) Bestellung im Businessbereich eintippen oder

4b) Bestellnummern und Farbcodes raussuchen und anrufen oder

4c) Bestellnummern und Farbcodes raussuchen und eine Mail schicken.

5) Auf Antwort und Bestätigung warten

6) Falls etwas nicht/erst in 3 Monaten lieferbar ist: Telefon- oder E-Mailrunde, kehre zu Punkt 1 zurück.

7) Wartezeit. Zwischen 2 Tagen und 6 Wochen kommt die Bestellung. Falls es doch mal länger dauert – zwischendurch nochmal Kund_innen anrufen.

8) Endlich. Die Post. Auspacken, aufhängen, etikettieren, in die Bestandsliste aufnehmen.

9) Telefon- und E-Mail-Runde.

10a) Warten.

10b) Bestellbestätigungen schicken, Bankaccount checken, Pakete packen, dem Postmenschen „Hallo!“ sagen.

11) Nicht abgeholte Bestellungen in das normale Warenlager übernehmen.

So läuft das, wenn alles glatt läuft. Manchmal kommen unvorhergesehene Dinge dazu. Ein Paket geht verloren. Ein Teil steht auf der Packliste, wird aber nicht mitgeliefert. Die Produktion verzögert sich. Oder ein Basicteil kann gar nicht mehr hier in Deutschland verkauft werden, weil eine andere Firma dasselbe Material benutzt, dass bei diesem Teil verarbeitet wird und diese andere Firma erfolgreich ihr Recht eingeklagt hat, exklusiv als einzige Firma hier in Deutschland dieses Material benutzen und verkaufen zu dürfen. Klingt ein bisschen verrückt. Vielleicht. Ist aber gerade erst passiert.

Warum musst du überhaupt bestellen? Du hast doch so viele Größen da…

Manchmal sitzt ein BH toll, aber er ist Schwarz oder Blau oder Türkis und jemand braucht etwas „Unauffälliges für die Arbeit“ und alle anderen „Unauffälliges für die Arbeit“-Modelle wollen nicht so recht passen oder wären zu ausgeschnitten oder unpassend zum Hautton oder… Oder jemand möchte die nächste Saisonfarbe vom Lieblingsmodell.
Dann bekomme ich einen Anruf oder eine E-Mail mit der Bitte, das Modell, das beim letzten Besuch gekauft wurde nochmal nachzubestellen und per Post zu senden, da die Person 3 Stunden Anfahrt zum Laden hat und nicht mal so eben vorbeikommen kann. „Und wenn du sowieso bestellst: ich brauche eigentlich auch noch einen Badeanzug. Für Aquafitness. Farbe egal. Nur passen musser!“ Viele Badeanzüge sind diese zum Reinschlupfen, ohne Verschluss. Verschluss finden viele Kund_innen bei Badeanzügen blöd, weil das so schwer anzuziehen ist. Kann ich nachvollziehen. Also doch lieber ein Tankini oder Bikini? „Tankini klappt hoch, Bikini – hm, so sicher fühle ich mich dann doch noch nicht.“ Ok. Ok. Ich sehe, was ich da machen kann.

Ich stecke mein Herzblut in die Beratung. Deshalb bestelle ich manches nicht.

Ich sage immer, dass ich in meinem Job noch etwas andere verdiene, als nur Geld. Damit meine ich das freudige Lächeln meiner Kund_innen, wenn ihnen ein Teil passt, gefällt und auch noch bequem ist. Einige freuen sich, dass es in ihrem Größenbereich endlich auch mal was Buntes gibt und nicht nur Basic. Und da wird schon mal nachgefragt: „Ich habe dieses Design auf der Website von Hersteller_in XY gesehen. Bekommst du das und wann?“ Weil ich meinen Kund_innen die Freude nicht verderben will, sage ich dann manchmal „Nein. Das bestelle ich dir nicht.“

Wenn ich mir sicher bin, dass der Schnitt nicht passen wird, ersparen wir uns beide was: meiner Kund_in die Enttäuschung, mir ein Einzelteil, was dann im Lager wohnt und gebundenes Kapital darstellt, dass ich nicht für andere „Unauffällig für die Arbeit“-BHs ausgeben kann.

Kaufzwang?

Wenn ich bestelle, dann nach dem Prinzip: „Wenn es dir nicht passt oder in natura nicht gefallen sollte, dann musst du es auch nicht nehmen.“ Kaufzwang fand ich selber als Kundin immer doof. Was soll ich schließlich mit einem traurigen Fehlkauf? Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit diesem Geschäft nochmal einen zweiten Versuch starte, wäre sehr gering.

Andererseits verstehe ich, seitdem ich selber ein Business habe, auch die Sichtweise der Läden, die grundsätzlich keine Bestellungen annehmen. Warum soll ich einen weiteren BH in Schwarz bestellen, wenn ich schon zig BHs in Schwarz in dieser Größe am Lager habe und die Möglichkeit besteht, dass die*der Kund_in den BH nicht kauft? Oder gar nicht kommt, um die bestellte Ware überhaupt anzuprobieren?

Je mehr Größen du hast, umso größer wird dein Lager. Bei rund 200 Größen ist es unmöglich (oder wahnsinnig teuer), in jeder Größe 5 verschiedene Schnitte in schwarz/weiß/beige/pastell/knallbunt/elegant/sportlich/sexy, jeweils mit oder ohne Schale, da zu haben. Plus Sport-BHs. In verschiedenen Schnitten/Farben. Plus Bademode. In verschiedenen Schnitten/Farben. Da kann eine wachsende Zahl an Einzelteilen schon eine Belastung sein. Einzelteile sind gebundenes Kapital und gebundener Platz. Wenn ein bestellter BH nicht mitgenommen wird, kann es zwar sein, dass er einer anderen Person passt, diese aber grundsätzlich nur Sets kauft. Oder dass der BH Pink ist und gerade niemand auf Pink steht.

Da kann es wirtschaftlich sinnvoller sein, auf den nächsten Monat zu vertrösten, wenn wieder neue Ware kommt. Auch wenn das schwer fällt. Es ist also nicht immer eine Entscheidung des guten Willens, ob die Bestellmöglichkeit angeboten wird. Es ist eine Überlebensstrategie für den kleinen inhaber_innengeführten Einzelhandel.

Natürlich – man könnte eine Anzahlung auf alle Bestellungen nehmen. Doch wenn die Lieferzeiten der Herstellenden schon mal variieren können, ist das nicht praktikabel. Es kann immer sein, dass ein Modell in genau der Größe und Farbe gerade ausverkauft ist und erst nachproduziert wird. Oder aus den USA ins Lager in UK und dann zu dir geschickt wird. Oder die Manufaktur regional ist, was toll ist. Aber dadurch so klein, dass nicht ständig alle fehlenden Größen nachproduziert werden, auch nicht von Basics. Das Prinzip der Anzahlung funktioniert so für mich und meine Kund_innen nicht, ich habe es getestet.

Eine Stärke der kleinen Geschäfte ist der Dialog! Ich möchte vom Alltag eines small girlboss businesses erzählen, damit klar wird, was ich mir bei den Dingen denke, die ich mache. 
Was interessiert euch noch? Schreibt es in die Kommentare!

Zum Weiterlesen: Die Reihe „A Retailers Perspective“ von Erica, Inhaberin des Brafitting-Shops „A Sophisticated Pair“:

Bereits erschienen in der Serie „Hinter der Ladentheke“:
Onlineshops zerstören den Fachhandel, oder? Was ich wirklich über Onlineshops denke

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